Auszüge aus der Laudatio von Frau Marianne Granz

Ministerin des Saarlandes a.D. anlässlich der Ausstellung in der Galerie Harald Lang in Saarbrücken (Mai-Juni 2001)

(…) Wenn man sich über Max Kohns individuelle oder wie er sagt "eigenartige" Darstellungsweise, über seine Formen und seinen Bildbau klar werden will, ist es am besten mit seinen Zeichnungen zu beginnen und mit dem Satz des Philosophen und Denkers Francis Bacon aus dem Jahre 1625: "Es ist keine erlesene Schönheit, die nicht etwas Seltsames in der Proportion besitzt" Ein Zitat, das mir in einem Skizzenbuch des Künstlers auffiel. (…)

Max Kohn - © Copyright Tom Wagner, 1999(…) Der Künstler rät uns beim Betrachten der hier ausgestellten Zeichnungen zunächst jede ästhetische Betrachtungsweise zu vermeiden. Wir sollen sie in uns aufnehmen wie man einen Brief oder ein Buch liest, das man schätzt, so erhalten wir unmerklich den Schlüssel zu seiner Formsprache; wir erhalten ein Gefühl seiner Zeichenschrift. Max Kohn zeichnet wie andere Menschen schreiben. Die jahrzehntelange Gewohnheit alles, was er sieht und erlebt, zeichnerisch festzuhalten, hat ihn fähig gemacht, ohne Schwierigkeiten jedes Sujet, was vor seinem physischen oder geistigen Auge erscheint, in Formen und Linien wiederzugeben. (…)

(…) Die Zeichensprache von Max Kohn beinhaltet die Sprache unserer Urahnen; er fühlt sich den Höhlenmenschen verwandt in dem Sinne, dass sie die Naturformen in einfache Flächen, Formen und Linien zu bannen wussten und dem Betrachtenden ihre Bedeutung suggerieren konnten, z.B. das geschriebene Wort Frau als die Form Frau. Alle seine Zeichnungen von der Mischtechnik (Aquarell, Tusche und Bleistift) im handgroßen Format bis zum fast Quadratmeter großen Büttenpapier, in der kleinen Bleistiftskizze wie in der großen Zeichnung sind erste und letzt Gestaltungen, haben keine Vorstudie, kein Korrektiv, keine Vorzeichnung. (…)

(…) In der Zeichnung "Japon" ist dieses Prinzip gut nachzuvollziehen: durch einige wenige Linien entsteht eine Landschaft mit Baum. Plötzlich haben wir einen Eindruck von Japan; die Suggestion erzeugt japanische Nähe in Form von Kenntnis oder Wiedererkennung. Hier ist es das scheinbar bekannte kalligraphische Element, das wir auf den Punkt getroffen wiedererkennen. Oft ist eine Assoziation im Betrachtenden, die eine Beziehung herstellt, dann ist es wieder die filligrane Leichtigkeit, die überzeugt. In der Darstellung von menschlichen Figuren arbeitet er oft von den Beinen nach oben, immer aber das Gesamtnild in der inneren Vision; deshalb wirken sie, wie ein Kritiker schrieb, "als hätte sie das Auge des Künstlers mitten in einer Bewegung "eingefroren". "Ich gebiete der Materie, nicht sie mir", sagt Max Kohn. (…)

Die hier gezeigten Arbeiten können trotz sorgfältiger Auswahl durch den Künstler und durch die unermüdliche Hilfe seiner Lebensgefährtin und Freundin Lilli Rodrigue, nur einen ersten Eindruck der Vielfalt in Stoff und Technik geben, über die Max Kohn verfügt. Sie können aber immerhin Aufschluß darüber geben, wie des Künstlers Werke entstehen, wie er das Sichtbare auffasst, wie er das Erlebte gestaltet. Er kommentiert dass mit dem Hinweis: "Es gehört stete Übung und Hingabe dazzu, solchen immer variierenden Formen die nötige Suggestivkraft zu geben und gleichzeitig ein eiserner Wille, sich nicht in eine gedankenlose Virtuosität zu verlieren."

Die intensive, alles scharf beobachtende Arbeitsweise Max Kohns macht ihn vor dieser Gefahr sicher. Er geht immer wieder – im besten Sinne des Wortes – naiv und warm empfindend an eine neue Idee, an eine neue Vision und vergleicht diesen Prozeß mit der Schrift sensibler Menschen in Briefen.

Die Schrift deute an sich schon den Seelenzustand des Schreibers an. So sind seine Zeichnungen und Skulpturen in der Art ihrer Linienführung immer ein Hinweis und ein Bild auf den Seelenzustand und das Tagestemperament des Künstlers.

Es kränkt und ärgert ihn, wenn die sogenannten Modernsten unter den Modernen behaupten, dass die Meister der Vergangenheit längst alle Möglichkeiten der Zeichnung und der Bildnerei aus der gegenständlichen Welt erschöpft hätten, dass sie zum Teil daher die Notwendigkeit ihrer Ungengenständlichkeit ableiten. Max Kohn hat für seine Zeichnungen und Skulpturen neue, kreative Möglichkeiten des Ausdrucks gefunden. Die oft totgepredigte figurative Kunst ist für ihn lebendiger denn je. Zu diesen Bemerkungen erinnert Max Kohn an den anderen Francis Bacon, den weltberühmten und für Max Kohn einzigartigen Künstler aus Großbrittanien, welcher sich auch immer mit Vorliebe über die sogenannten Abstrakten mokiert und ärgert. (…)