Die Leichtigkeit der Materie

Jean-Louis Scheffen, Télécran, 17 Juli 1999

Max Kohn, Bildhauer

Max Kohn bei der Arbeit am Werk "Till Eulenspiegel" - © Copyright Tom Wagner, 1999Max Kohn hätte es leicht haben können. Wäre es nach dem Willen seiner Eltern gegangen, würde er heute den Beruf des Anwalts ausüben oder zumindest Büroangestellter sein. Zumindest hätte er, so der wohlwollende Hintergedanke einen Beruf erlernt, den er sitzend ausüben könne. Denn Max Kohn ist seit seiner Kindheit gehbehindert - die Folgen einer heimtückischen Infektionskrankheit: Poliomyelitis, im Volksmund Kinderlähmung genannt.

Was sagt das Leben eines Künstlers über sein Werk aus? Diese ewige Streitfrage der Kunstkritiker und – historiker geht einem durch den Kopf, wenn man Max Kohn in seinem Atelier in der Escher Kulturfabrik zu sieht, wie er sich mit dem Schweißgerät an einem mannshohen Metallgerippe zu schaffen macht. Nicht sitzend, sondern stehend, die beiden Krücken in der Ecke, den Blick hinter der Schutzmaske konzentriert auf die Schweißnaht gerichtet. "Till Eulenspiegel" hat er die halbfertige Skulptur aus Blech und Stahl genannt. Nur der Spiegel und der Kopf Tills fehlen noch. Er arbeite sich in der Darstellung von menschlichen Figuren, in der Metallbildnerei, von den Beinen nach oben, präzisiert der Künstler. Auch wenn er von Anfang an - "zumindest unbewusst"- wisse, welchen Gesamteffekt er erreichen wolle.

Kunst in Bewegung

Kennern gilt der 44 jährige längst als einer der interessantesten Bildhauer in der einheimischen Kunstszene. Ob er nun in Metall, Stein, Holz oder Terracotta arbeitet: die Skulpturen von Max Kohn tragen eine unverwechselbare Handschrift. Oft sind es Darstellungen von Menschen oder Tieren, die so wirken, als hätte sie das Auge des Künstlers mitten in einer Bewegung "eingefroren". Sie überraschen durch eine filligrane Leichtigkeit, die fast paradox erscheint, wenn man sie in einen Zusammenhang mit der starren "toten" Materie setzt, die der Künstler in oft aufwendigen handwerklichen Arbeitsschritten formt und verformt.

Der Zufall hat da wenig Platz: "Ich gebiete der Materie, nicht sie mir", sagt Max Kohn und widerspricht damit der gängigen Vorstellung vom Bildhauer, der sich seinem Material unterordnet. Sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, ihm eine bestimmte Richtung zu geben und keine andere, das war schon immer der Wille des 1954 geborenen Eschers. In seiner Kindheit hatte es so ausgesehen, als ließe die Krankheit Max wenig Wahlmöglichkeiten im Leben. Um so mehr, als seine schulische Laufbahn schon sehr früh durcheinander geriet und der Junge wenig Anstalten machte,sich in das System zu integrieren. Im Alter von 15 Jahren war für Max Kohn Schluß mit dem Lyceum, und er schrieb sich 1971 am "Institut des Arts et Techniques Artisanales" in Namur ein.

Die Kraft der Bilder

Was war der Auslöser für das künstlerische Interesse? "Die Lust am Zeichnen sicherlich, die miesen Noten im Schulfach Zeichnen und Malen sicher nicht", gibt der Künstler zu. Die biographische Frage beantwortet er so: "Ein sechsmonatiger Krankenhausaufenthalt in Köln, ich war damals sieben, der zu den prägenden Erlebnissen in meiner Kindheit gehört, hat unter anderen Erlebnissen vielleicht den Auslöser zu der Arbeit als Zeichner, Bildhauer, gebildet… "Wenn man immer nur still und unbeweglich in einem Zimmer liegt, dann lernt man zu beobachten, die Dinge wahrzunehmen – bis zu dem Augenblick, wo sich einem die Bilder förmlich aufdrängen."

Nach seinen Studien in Namur und an der Kunstakademie in Karlsruhe sucht er seinen eigenen Weg, liebäugelt kurze Zeit mit der Ungegenständlichkeit – um dann doch herauszufinden, dass die Darstellung bloßer Formen nicht das Mittel ist, mit dem er sich am besten ausdrücken kann. Auch wenn die ungegenständliche Malerei und Bildhauerei am ehesten dem Geschmack des Publikums " moderner" Kunst in Luxemburg entspricht, was eher auf Unkenntnis als auf bloßen Geschmack zurückzuführen ist.

Lernen von den Meistern

Max Kohn bei der Arbeit an seinem "Till Eulenspiegel" - © Copyright Tom Wagner, 1999Die Sparsamkeit der Mittel, die Reduzierung auf das Wesentliche eines Ausdrucks, einer Bewegung oder eines Gedankens prägen das künstlerische Bemühen von Max Kohn. Ehrlich und unprätentiös, diese Charakteristiken weiß er an Techniken wie der Aquarellmalerei besonders zu schätzen und beruft sich auf das, was Künstler wie William Turner , Eugène Delacroix und viele andere auf diesem Gebiet geleistet haben. Keine Probleme hat er damit, seine Vorbilder zu nennen: Sie reichen von der afrikanischen Kunst über Michelangelo bis zu Picasso und Giacometti. Musik ist für den Künstler auch eine wichtige Inspirationsquelle.

Derzeit sind seine Werke in der Galerie St. Nicolas in Remich zu sehen, die nächste Ausstellung ist für November geplant, in der Galerie Tendance Mikado, Luxemburg. Unter Zeitdruck für eine Ausstellung zu arbeiten, empfinde er als durchaus positiven Streß, betont der Künstler. Schwieriger sei das, was danach kommt, eine gewisse Leere setzt sich ein, die im schlimmsten Falle zu einer Schaffenspause führt, die auch schon mal länger ausfallen kann. Da hilft dann nur reisen, und dem Gott Bacchus huldigen. Zum Schluß auf die Frage wie er zu seinen vollendeten Werken stehe, gab uns der Künstler folgende Auskunft: "Wenn ein Werk einmal fertig ist, geht mein Interesse schnell daran verloren, vielleicht ist das ja auch ein guter Schutz, um weiterarbeiten zu können, etwas Neues anpacken zu können."